kreuz WORTrätsel

 

„Das Evangelium ist das Buch des Lebens des Herrn und ist da, um das Buch unseres Lebens zu werden. Es ist nicht da, um verstanden, sondern um wie eine Schwelle zum Geheimnis angenähert zu werden. Es ist nicht da, um gelesen, sondern um in uns aufgenommen zu werden...
Die Worte des Evangeliums durchwalken uns, verändern uns, bis sie uns gleichsam in sich einverleiben.“ (Madeleine Delbrêl)

 

Es ist uns nicht möglich, das Evangelium in seiner Fülle zu erfassen. Und mag es nur eine Kleinigkeit sein, die uns berührt, so gilt es, diese in ihrer Innerlichkeit zu verkosten: "Nicht das Vielwissen sättigt die Seele, sondern das Verspüren und Verkosten der Dinge von innen her." (Ignatius von Loyola)     

 

Von Mittwoch bis Mittwoch finden Sie hier einen kurzen Gedanken zum jeweiligen Sonntagsevangelium. Vielleicht hilft Ihnen dieser Impuls, sich vom Wort (Gottes) berühren zu lassen.


28. Sonntag im Jahreskreis (A): Mt 22, 1-14

Jesus antwortete und erzählte ihnen ein anderes Gleichnis:

Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem König, der seinem Sohn die Hochzeit ausrichtete.  Er schickte seine Diener, um die eingeladenen Gäste zur Hochzeit rufen zu lassen. Sie aber wollten nicht kommen. Da schickte er noch einmal Diener und trug ihnen auf: Sagt den Eingeladenen: Siehe, mein Mahl ist fertig, meine Ochsen und das Mastvieh sind geschlachtet, alles ist bereit. Kommt zur Hochzeit! Sie aber kümmerten sich nicht darum, sondern der eine ging auf seinen Acker, der andere in seinen Laden, wieder andere fielen über seine Diener her, misshandelten sie und brachten sie um. Da wurde der König zornig; er schickte sein Heer, ließ die Mörder töten und ihre Stadt in Schutt und Asche legen.

Dann sagte er zu seinen Dienern: Das Hochzeitsmahl ist vorbereitet, aber die Gäste waren nicht würdig. Geht also an die Kreuzungen der Straßen und ladet alle, die ihr trefft, zur Hochzeit ein! Die Diener gingen auf die Straßen hinaus und holten alle zusammen, die sie trafen, Böse und Gute, und der Festsaal füllte sich mit Gästen.

Als der König eintrat, um sich die Gäste anzusehen, bemerkte er unter ihnen einen Menschen, der kein Hochzeitsgewand anhatte. Er sagte zu ihm: Freund, wie bist du hier ohne Hochzeitsgewand hereingekommen? Der aber blieb stumm. Da befahl der König seinen Dienern: Bindet ihm Hände und Füße und werft ihn hinaus in die äußerste Finsternis! Dort wird Heulen und Zähneknirschen sein. Denn viele sind gerufen, wenige aber auserwählt.

 

Ist Gott barmherzig?

Er war ein älterer Mann kurz vor dem Rentenalter. Die Tage nach Weihnachten musste er seine Bleibe verlassen, da sie abgerissen werden sollte. So kam er zu uns ins Haus, in unser Mitwohnprojekt mit obdachlosen Menschen in Freiburg. Er war vom Leben gezeichnet: Asthmatiker, Herzschwäche, Diabetiker, Kettenraucher… aber mit lebendigen Augen und voll von lebendigen Lebenserfahrungen. Wir blieben stets beim Sie im Umgang miteinander. Ein Du wäre unpassend gewesen, und doch waren wir einander sehr vertraut. Er war im Leben immer wieder gescheitert: So hatte er einen Gärtnereibetrieb in den Sand gesetzt, war geschieden und hatte den Kontakt zu seinem Sohn schon lange verloren. Er selbst bezeichnete sich als Atheist – und doch unterhielt er sich am allerliebsten mit „Theologen“ über Gott und die Welt. An unseren gemeinsamen Essen und Spielabenden nahm er nie teil.  Es konnte aber sein, dass er gegen Ende auftauchte, eine Packung Eis für uns dabei, sich still in eine Ecke setzte und genüsslich zuschaute, wie wir das Eis verzehrten, dann zog er sich wieder zurück. Um seine sehnsüchtig erwartete kleine Rente und seine Habe nicht offenlegen und eventuell preisgeben zu müssen, hatte er immer auf Sozialhilfe verzichtet. Wie er über die Runden kam, weiß ich bis heute nicht. Sein Traum war, unter der Sonne Spaniens absolut trockenes Land urbar zu machen. Dazu hatte er vor Jahren etliche Hektar Boden erworben, die seither auf ihn warteten. In seinem Zimmer und auf unserem Balkon legte er deshalb eine Baumschule an mit wohl ausgewählten Pflänzchen, für die besonderen Bedingungen wie geschaffen. Er war ein Mann voll Sehnsucht und Zukunftshoffnung und erinnerte mich sehr an die (leider erfundene) Geschichte von Elzéard Bouffier, dem „Mann der Bäume pflanzte“, und es war schön, ihm hin und wieder mal in der Küche zu begegnen, eine Tasse Tee mit ihm zu trinken und ihm zuzuhören.

Zu seinem Geburtstag wollten wir ihn zum Essen einladen, aber er wollte kein Fest. Er wollte mit uns die beste Gärtnerei besuchen, die es gab, die Gärtnerei der Gräfin von Zeppelin in Lauffen. Und er wünschte sich den Katalog dieser Gärtnerei, weil er besser als jedes andere Botanikbuch wäre. In ihm wäre nur das verzeichnet, was es hier auch wirklich zu erwerben gäbe. Am verabredeten Termin kam ich früh morgens zur Gebetszeit mit Annette in die Wohnung unseres Projektes und hörte noch sein tiefes Atmen in seinem Zimmer. Nachdem wir unsere Zeit im Gebet beendet hatten, setzten sich Annette und ich zu einer Tasse Tee in die Küche und harrten auf sein Kommen, doch er kam nicht. Wir klopften an seine Tür, keine Antwort. Ein Nachforschen ergab: Seine Zimmertür war verschlossen. Ein Blick vom Balkon in sein Zimmer zeigte, dass er auf dem Boden in seinem Zimmer lag. Er war während unserer Gebetzeit verstorben. Und dabei hatte er sich so auf unseren Ausflug gefreut… - Wir informierten seinen Sohn, mit dem er wenige Tage zuvor nochmals Kontakt aufgenommen und sich ausgesprochen hatte, und trafen uns, um miteinander vor Ort Abschied zu nehmen. Es wurde zwar nichts mit dem Gärtnereibesuch der Gräfin von Zeppelin, und doch kam er in den besten Garten, den ich kenne, den Garten Eden. Auch erinnerten wir uns, dass er uns tags zuvor strahlend erzählt hatte, dass er sich für diesen Termin extra eine neue Latzhose und ein neues T-Shirt gekauft hatte, in weiser Vorahnung wohl sein himmlisches Hochzeitsgewand, um nicht schlussendlich doch noch hinausgeworfen zu werden. Noch heute denke ich voll Freude und Dankbarkeit an ihn und bin mir sicher, dass er seinen Platz beim himmlischen Hochzeitsmahl gefunden hat.

Jedesmal, wenn ich das Gleichnis höre, muss ich an diese Begebenheit denken. Und ich glaube, Gottes Barmherzigkeit ist größer, als wir uns vorstellen können.

Die Sehnsucht nach IHM mag im Leben verschüttet sein, doch kann Gott nicht auch den Schatz im Acker unserer Seele finden und überglücklich sein?